9. Dezember – 2. Sonntag im Advent

Wozu die Liebe den Hirtenknaben veranlasste

In jener Nacht, als den Hirten der schöne Stern am Himmel erschienen war und sie sich
alle auf den Weg machten, den ihnen der Engel gewiesen hatte, da gab es auch einen
Buben darunter, der noch so klein und dabei so arm war, dass ihn die anderen gar nicht
mitnehmen wollten, weil er ja ohnehin nichts besaß was er dem Gotteskind hätte
schenken können.

Das wollte nun der Knirps nicht gelten lassen. Er wagte sich heimlich
ganz allein auf den weiten Weg und kam auch richtig in Bethlehem an. Aber da waren
die anderen schon wieder heimgegangen, und alles schlief im Stall.

Der heilige Josef schlief, die Mutter Maria, und die Engel unter dem Dach schliefen auch, und der Ochs
und der Esel, und nur das Jesuskind schlief nicht. Es lag ganz still auf seiner
Strohschütte, ein bisschen traurig vielleicht in seiner Verlassenheit, aber ohne Geschrei
und Gezappel, denn es war ja ein besonders braves Kind, wie sich denken lässt. Und
nun schaute das Kind den Buben an, wie er da vor der Krippe stand und nichts in
Händen hatte, kein Stückchen Käse und kein Flöckchen Wolle, rein gar nichts.

Und derKnirps schaute wiederum das Christkind an, wie es da liegen musste und nichts gegen
die Langeweile hatte, keine Schelle und keinen Garnknäuel, rein gar nichts. Da tat dem
Hirtenbuben das Himmelskind in der Seele leid. Er nahm das winzig kleine Fäustchen
in seine Hand und bog ihm den Daumen heraus und steckte ihn dem Christkind in den
Mund.

Und von nun an brauchte das Jesuskind nie mehr traurig zu sein, denn der arme,
kleine Knirps hatte ihm das Köstlichste geschenkt, was einem Wickelkind beschert
werden kann: den eigenen Daumen.

 

Karl Heinrich WAGGERL